Platzangst - Angst vor unsicheren Orten

Die Angst, in der Falle zu sitzen

 

„Meine frühere Selbstständigkeit und Selbstsicherheit waren wie weggeblasen.“

 

Frau Weber, 29 Jahre alt, verheiratet mit einem Facharbeiter, ist Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern im Alter von drei und fünf Jahren. Vor der Ehe war sie in einem großen Modegeschäft als Textilverkäuferin tätig. Die Familie wohnt in einem großen Haus zusammen mit den Eltern des Mannes. 

Die junge Frau möchte wieder arbeiten gehen, um dadurch den ständigen Spannungen mit der Schwiegermutter zu entkommen, obwohl sie diese eigentlich zur Beaufsichtigung ihrer Kinder benötigt. 

Nach einem Streit mit der Schwiegermutter fährt Frau Weber noch am gleichen Tag mit dem Bus zur Personalabteilung ihrer früheren Firma, um den raschen beruflichen Wiedereinstieg zu organisieren. 

Im überfüllten Bus bekommt sie plötzlich Schwindelgefühle, Hitzewallungen, Herzrasen, Atemnot und Übelkeit. Aus Angst umzufallen klammert sie sich an einer Stange fest und beginnt leicht zu zittern. 

Ihre Schwindelgefühle erinnern sie an einen Beinahekollaps vor einem Jahr in der langen Samstag-Vormittag-Schlange vor der Kasse eines Supermarkts und sie fürchtet, ohnmächtig umzufallen. Sie verlässt den Bus fluchtartig bei der nächsten Station. 

Fünf Wochen später ist Frau Weber abends mit den Kindern allein zu Hause. Während sie sich einen Fernsehfilm anschaut, wird ihr Körper von einer heftigen Panikattacke mit Herzrasen, Druck auf der Brust, abwechselnden Hitze- und Kältegefühlen, Schwindel, Übelkeit und Zittern erfasst; eine massive Todesangst ist die Folge.  

Frau Weber alarmiert den Notarzt, der nach einer kurzen Untersuchung meint, sie habe wahrscheinlich eine Panikattacke erlebt und solle am nächsten Tag den Hausarzt zwecks weiterer Behandlung aufsuchen. Da sie alleine zu Hause ist, gibt er ihr eine Beruhigungsspritze, die bereits nach kurzer Zeit die gewünschte Wirkung zeigt. 

Ihr Mann und ihre Schwiegermutter raten ihr später zu mehr Schonung, was dazu führt, dass sie ihren Wiedereinstieg in den Beruf aus Angst vor Überforderung aufgibt. 

Zwei Wochen danach bekommt Frau Weber eine Panikattacke beim Einkauf im nächstgelegenen Geschäft. Sie muss deswegen fluchtartig das Geschäft verlassen. 

Von da an hat sie Schwierigkeiten, ohne Begleitung etwas zu unternehmen. Sie fährt nicht mehr allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln und vermeidet den Aufenthalt in öffentlichen Räumen. 

Sie fürchtet sich vor dem Alleinsein unterwegs genauso wie vor dem Alleinsein zu Hause. Sie hat das Vertrauen zu ihrem Körper verloren. 

Plötzlich ist sie froh, dass die Schwiegereltern im Haus wohnen und sie somit am Vormittag nicht allein sein muss, wenn die Kinder in den Kindergarten gehen. Von nun an ist die Schwiegermutter jederzeit willkommen. 

Was für Frau Weber eine Hilfe sein sollte, wird bald zu ihrem Gefängnis, zum Gefängnis der Agoraphobie. Die zunehmende Abhängigkeit von der Schwiegermutter nimmt ihr den letzten Rest von Selbstvertrauen. 

Zum Hausarzt wagt sie sich erst zwei Monate später, als sie plötzlich nicht einmal mehr ihre Kinder in den Kindergarten bringen kann aus Angst, vor den anderen Müttern eine Panikattacke zu bekommen oder sonst irgendwie unangenehm aufzufallen. 

Selbst den Besuch beim Hausarzt hatte sie hinausgeschoben, weil sie sich vor dem vollen Wartezimmer fürchtete und Angst davor hatte, die Leute würden ihre Symptome erkennen und sie als nervenkrank abstempeln. 

Mit der Diagnose „Agoraphobie mit Panikstörung“ wird sie vom Hausarzt zu einer Verhaltenstherapie überwiesen. 

 

 

Fürchten Sie sich vor Menschenmassen, öffentlichen Plätzen, allein zu reisen oder weit weg von Zuhause zu sein?

 

1.  Fürchten und vermeiden Sie beharrlich und anhaltend mindestens zwei der folgenden Situationen:   

  • Menschenmengen 
  • Öffentliche Plätze 
  • Allein Reisen 
  • Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause   

 
2.  Traten dabei folgende Symptome auf?

  • Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz 
  • Schweißausbrüche 
  • Fein- oder grobmotorisches Zittern 
  • Mundtrockenheit   
  • Atembeschwerden 
  • Beklemmungsgefühl 
  • Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust 
  • Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen) 
  • Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit 
  • Gefühl, dass Sie weit entfernt sind, nicht „wirklich hier sind“, „neben sich stehen“ (Depersonalisation) oder die Umwelt und die Objekte unwirklich sind (Derealisation)  
  • Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“ 
  • Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Zustände) 
  • Hitzewallungen oder Kälteschauer 
  • Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle  


3.  Erleben Sie durch das Vermeidungsverhalten oder die Angstsymptome eine deutliche emotionale Belastung und haben Sie dabei die Einsicht, dass diese Ängste übertrieben oder unvernünftig sind?

4.  Beschränken sich die Symptome ausschließlich oder hauptsächlich auf die gefürchteten Situationen oder Gedanken an sie? 

5.  Können Sie ausschließen, dass Ihre Angstzustände bedingt sind durch eine andere psychische Störung (Depression, Zwangsstörung usw.) oder eine körperlichen Störung?   

Wenn Sie die Fragen 1, 3, 4 und 5 sowie mindestens zwei Symptome bei Frage 2 angekreuzt haben, haben Sie möglicherweise eine Agoraphobie (Platzangst). 

 

 

 

Das Wesen der Agoraphobie: ständiges Vermeidungsverhalten vor gefürchteten Orten und Situationen

 

Die zentralen Merkmale nach dem internationalen Diagnoseschema ICD-10:

 

A.  Als „Agoraphobie“ bezeichnet man die starke und anhaltende Furcht vor oder die Vermeidung von mindestens zwei der folgenden Situationen:


  • Menschenmassen
  • Öffentliche Plätze
  • Allein Reisen
  • Reisen, vor allem mit weiter Entfernung von Zuhause.

 

B.  Wenigstens einmal nach der Entwicklung der Störung müssen in den gefürchteten Situationen mindestens zwei der folgenden 14 Angstsymptome gleichzeitig aufgetreten sein (davon eines aus den ersten vier Symptomen):

  1. Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz
  2. Schweißausbrüche
  3. fein- oder grobmotorisches Zittern
  4. Mundtrockenheit
  5. Atembeschwerden
  6. Beklemmungsgefühl
  7. Schmerzen oder Missempfindungen in der Brust
  8. Übelkeit oder Missempfindungen im Bauchraum (z.B. Unruhegefühl im Magen)
  9. Gefühl von Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit
  10. Gefühl, die Objekte der Umwelt sind unwirklich (Derealisation), oder man selbst ist weit entfernt oder „nicht wirklich hier“, wie wenn man neben sich stehen würde (Depersonalisation)
  11. Angst vor Kontrollverlust, verrückt zu werden oder „auszuflippen“
  12. Angst zu sterben (als Reaktion auf die körperlichen Symptome)
  13. Hitzewallungen oder Kälteschauer
  14. Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle

 

C.  Es besteht eine starke emotionale Belastung durch das Vermeidungsverhalten oder die Angstsymptome, wobei die Betroffenen die Einsicht haben, dass ihre Reaktionen übertrieben oder unvernünftig sind.

 

D.  Die Symptome sind ausschließlich oder hauptsächlich auf die gefürchteten Situationen oder auf die Gedanken an diese beschränkt.

 

E.  Die gesamte Symptomatik ist nicht durch eine andere psychische Störung (z.B. Depression, Zwangsstörung oder Alkoholabhängigkeit) oder eine körperliche Erkrankung bedingt.

 

Eine Agoraphobie kann in zwei Formen auftreten:

 

  • Agoraphobie ohne Panikstörung
  • Agoraphobie mit Panikstörung

 

Die zentralen Merkmale nach dem amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-5


Das amerikanische psychiatrische Diagnoseschema DSM-5 definiert eine Agoraphobie etwas umfangreicher als eine ausgeprägte Furcht vor mindestens zwei von fünf Situationen:

  • Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel (z.B. Autos, Busse, Züge, Schiffe, Flugzeuge),
  • Aufenthalt auf offenen Plätzen (z.B. Parkplätze, Marktplätze, Brücken),
  • Aufenthalt in geschlossenen Räumen (z.B. Geschäfte, Theater, Kino),
  • Stehen in einer Schlange oder Menschenmenge, 
  • Aufenthalt allein außer Haus.

 

Diese und ähnliche Situationen werden laut DSM-5 entweder gefürchtet oder vermeiden, weil eine Flucht schwierig sein könnte, oder weil angesichts von Symptomen einer Panikattacke bzw. anderer beeinträchtigender oder peinlicher Symptome, wie etwa Hinfallen bei älteren Personen oder bei Inkontinenz, Hilfe nicht erreichbar sein könnte. 

Die gefürchteten Orte werden entweder aktiv vermieden oder können nur in Begleitung einer Vertrauensperson aufgesucht werden. 

Wenn Flucht nicht möglich erscheint, werden die betreffenden Situationen nur unter intensiver Furcht und Angst durchgestanden. 

Die Furcht oder Angst geht weit über das tatsächlich gegebene Ausmaß einer eventuellen Gefahr hinaus, dauert laut DSM-5 mindestens sechs Monate lang an und verursacht einen bedeutsamen Leidenszustand oder erhebliche Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. 



Geschichtliche Aspekte

 

„Agora“ heißt im Altgriechischen „öffentlicher Platz“ oder „Marktplatz“. Es geht dabei um Orte, die jedermann betreten kann, egal ob im Freien oder in Räumen. Die Bezeichnung Agoraphobie (auf Deutsch „Platzangst“) wurde erstmals 1871 verwendet, um die Angst vor weiten und offenen Plätzen sowie vor bestimmten Straßen zu charakterisieren. 

Bereits damals wurde erkannt, dass eine Agoraphobie auf der Angst vor körperlichen oder geistigen Symptomen beruht und diese Erwartungsangst („Angst vor der Angst“) durch die Anwesenheit von Vertrauenspersonen reduziert werden kann. 

Sigmund Freud beschrieb als erster die Agoraphobie als Folge von Panikattacken. Er meinte, in Wirklichkeit sei das, was der Kranke fürchte, das Ereignis eines solchen Anfalls unter speziellen Bedingungen, dass er glaube, ihm nicht entkommen zu können.

Die Angst vor öffentlichen Orten wurde früher der Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie) gegenübergestellt. 

Heute versteht man unter Agoraphobie die Angst vor allen Orten und Situationen, wo im Falle einer Panikattacke, einer panikähnlichen Symptomatik (Ohnmachtsangst, Herzklopfen, Atemnot u.a.) oder eines sonstigen körperlichen Unwohlseins (vor allem Schwindel, Schwitzen, Harn- oder Stuhldrang) eine Flucht schwierig oder gar unmöglich wäre, eine hilfreiche und beruhigende Person nicht zur Verfügung steht und das Ertragen der gefürchteten Situation extrem belastend empfunden wird. 

 

 

Die Kernsymptomatik

 

Eine Agoraphobie ist eine starke und anhaltende Furcht vor oder Vermeidung von mindestens zwei von vier Situationen (Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, allein Reisen, weiten Reisen), wobei die Betroffenen mindestens zwei von 14 körperlichen und kognitiven Angstsymptomen aufweisen (siehe oben). 

Ausgelöst wird eine Agoraphobie, wenn die Betroffenen ihre gewohnte und sichere Umgebung verlassen, keine schützenden und vertrauten Personen um sich haben und keine Fluchtmöglichkeit mehr vorfinden. 

Das zentrale Gefühl ist: „Du sitzt in der Falle!“ Es taucht zum einen die Angst auf, wildfremden Menschen ausgeliefert zu sein, zum anderen die Erleichterung, dass überhaupt jemand in der Nähe ist, der im Notfall Hilfe leisten könnte. 

Kurzgefasst: Agoraphobiker leiden unter einer mangelnden Situationskontrolle. Dahinter steht die Angst vor dem eigenen Körper, das heißt Angst, körperliche oder psychische Symptome nicht mehr kontrollieren zu können. Sie ist so dominant, dass weder vernünftige Argumente von außen noch positiv gemeisterte, ähnliche Situationen etwas fruchten – die agoraphobische Angst bleibt. Die Betroffenen befürchten, die Kontrolle über sich und ihren Körper zu verlieren, plötzlich ohnmächtig umzufallen und womöglich mit einem Herzinfarkt hilflos liegen zu bleiben. 

Nicht weniger Angst macht die Vorstellung, öffentlich einen Schrei- oder Weinkrampf oder gar einen Tobsuchtsanfall zu bekommen oder „durchzudrehen und verrückt zu werden“. 

Das häufige Gefühl, „neben sich zu stehen“, spiegelt ein stressbedingtes Entfremdungsgefühl gegenüber sich selbst (Depersonalisation) oder gegenüber der Umwelt (Derealisation) wider und ist nicht – wie oft befürchtet wird – Ausdruck einer beginnenden Schizophrenie! 

Die Betroffenen leiden auch oft unter einem chronischen Schwindel, was im Vorfeld schon zu einer Einschränkung an körperlicher Bewegung geführt hat.  

Wie versuchen in der Regel Agoraphobiker, mit ihrem Problem fertig zu werden? Indem sie es möglichst vermeiden! 

Agoraphobiker entwickeln geradezu perfide Strategien im Vermeiden der angstmachenden Situationen. Somit können sie nie die Erfahrung machen, dass das Problem gar nicht so gefährlich und durchaus bewältigbar wäre. 

Das führt wie der Dominoeffekt zu einem immer größeren Meidungsverhalten bis hin zur völligen sozialen Isolation. 

Vom früheren Selbstbewusstsein ist dann kaum mehr etwas vorhanden. Diese Vermeidungsstrategie erklärt auch die paradoxe Situation, dass manche Agoraphobiker relativ wenig Angst und immer seltener Panikattacken erleben. 

Eine Agoraphobie unterscheidet sich von einer spezifischen Phobie (z.B. ausschließlich Angst vor dem Liftfahren oder vor dem Fliegen) durch den Umstand, dass eine Unzahl an Orten und Situationen gefürchtet wird, sodass man auch von einer „multiplen Situationsphobie“ spricht. 

 

 

Agoraphobie umfasst viele Orte und Situationen

 

Es gibt eine Fülle von Situationen, die gemieden oder nur mit Unbehagen ertragen werden können, besonders wenn diese ohne den Schutz einer Begleitperson aufgesucht werden müssen: 

  • Aufenthalt im Freien unter vielen Menschen oder bei fehlender Fluchtmöglichkeit: öffentliche Plätze überqueren, unbekannte Stadtteile aufsuchen, in überfüllten Fußgängerzonen bummeln, öffentliche Veranstaltungen besuchen, in einem Verkehrsstau stecken, durch einen längeren Tunnel fahren, mit dem Auto bei Nebel (das heißt ohne Sicht) unterwegs sein, mit dem Fahrrad eine längere Strecke in freier Landschaft fahren, mit dem Boot einen tiefen See überqueren, durch einen Badesee schwimmen, über eine Brücke gehen, einen Berg besteigen, einen Waldlauf unternehmen. Nur wenige Menschen mit Agoraphobie fürchten sich – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – vor großen, leeren Plätzen, und zwar deshalb nicht, weil dort gewöhnlich keine Bewegungseinschränkung besteht. 


  • Berufliche oder private Reisen über einen bestimmten Radius hinaus, Reisen in anderssprachige Länder sowie in unbekannte Gegenden weit weg von Zuhause. 


  • Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel (Zug, Bus, Straßenbahn, U-Bahn, Flugzeug, Schiff, Sessellift, Aufzug, Rolltreppen), manchmal auch des eigenen Autos, vor allem Fahrten auf Autobahnen, wo bei vermeintlicher Gefahr kein Entkommen möglich ist. 


  • Aufenthalt in öffentlichen oder halb öffentlichen Räumen, besonders wenn diese überfüllt sind: Geschäft, Supermarkt, Kirche, Kino, Museum, Theater, Konzertsaal, Stadion, Bank, Behörde, Krankenhaus, Wartezimmer bei Ärzten, Gaststätte, Café, Diskothek, Kantine, Hörsaal, öffentliche Toilette, Friseursalon, Umkleideraum in Kleidergeschäften, Sauna, Hallen- oder Freiluftbad, Friedhof, Schlange stehen in Geschäften und bei Behörden, Arbeit in einem Großraumbüro, Besuch des Elternsprechtags oder einer Elternveranstaltung in der Schule, Teilnahme bei einer Betriebsversammlung, Sportveranstaltung oder großen Feier (z.B. Hochzeit). 


  • Aufenthalt in engen, hohen, geschlossenen oder dunklen Räumen: Lift, Raum ohne Fenster, Toilette oder Badezimmer mit verschlossener Tür, Diskothek, Turnsaal, Kellerraum, Höhle, unterirdischer Gang, Tunnelgang, Passage, Hochhausraum, Kirchturm, Fernsehturm, dunkles Schlafzimmer, Aufenthalt allein in einem großen Raum. Bei einer Liftphobie spricht die Angst vor dem Steckenbleiben oder Ersticken für eine Agoraphobie, die Angst vor den Blicken anderer für eine Sozialphobie, die Angst vor dem Abstürzen des Lifts für eine Höhenphobie. 


  • Vereinbarung von Treffen mit anderen Leuten unter „unsicheren“ Bedingungen. 

 

Angst vor der Angst 

 

Agoraphobie-Patienten fürchten sich panisch davor, in bestimmten Situationen mit den unangenehmen Reaktionen ihres eigenen Körpers nicht mehr fertig zu werden. Da sie glauben, ihren Körper nur mangelhaft kontrollieren zu können, vermeiden sie strikt alle Orte und Situationen, die dazu führen könnten. 

Eigentlich haben Agoraphobiker gar nicht Angst vor den äußeren, sondern vor ihren eigenen inneren Zuständen, denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlen.  

Hinter der Angst vor Orten und Situationen steht die Angst vor dem eigenen Körper


Besonders schlimm ist es für die Betroffenen, wenn sie wissen, dass vielleicht in einer Woche der Besuch eines besonderen Konzerts ansteht.

Es entstehen Erwartungsängste, die oft so dominant werden, dass kaum mehr eine Chance besteht, die Situation so halbwegs entspannt anzugehen und durchzutauchen. Die Angst vor der Angst hat gesiegt. 

Und wenn sich der Betroffene doch durchgerungen hat, sich dem gefürchteten Ereignis zu stellen und dieses sogar als positiv und angenehm erlebt hat, wird er trotzdem bei der nächsten ähnlichen Erfahrung die gleichen extremen Erwartungsängste verspüren und sich ihnen hingeben.  

Agoraphobie-Patienten können mit einem gewissen Restrisiko, mit potentiellen Gefahren und der Unsicherheit, wie eine Situation sein wird, mental nicht richtig umgehen.

 

 

Zwei Arten der Agoraphobie

 

Eine Agoraphobie kann mit oder ohne Panikstörung auftreten, sie entsteht oft als Folge nicht bewältigter Panikattacken. 

Rückfälle bei einer Agoraphobie hängen häufig mit einer oder mehreren weiteren Panikattacken zusammen. 

Im klinischen Bereich weisen die meisten Menschen mit Agoraphobie tatsächlich auch Panikattacken auf, während diese Kombination nach umfangreichen Befragungen der Durchschnittsbevölkerung nur bei etwa der Hälfte der Agoraphobie-Patienten vorhanden ist.

Als Auslöser für eine Agoraphobie ohne Panikstörung gelten gewöhnlich einzelne körperliche Symptome wie Schwindel, Ohnmachtsangst, plötzlicher Harn- oder Stuhldrang oder allgemeine Schwächegefühle. 

Eine Panikattacke in einer eindeutig phobischen Situation (z.B. im Lift, auf der Autobahn, in einem Supermarkt) zeigt nur den Schweregrad der Phobie an und macht noch keine Panikstörung aus, zu der auch Angstattacken „aus heiterem Himmel“ gehören. 

Verschiedene „Agoraphobiker“ haben laut Nachuntersuchungen eher eine spezifische Phobie als eine Agoraphobie im Sinne einer multiplen Situationsphobie. 

 

 

Lästiger Schwindel 

 

Agoraphobiker fühlen sich oft schwindlig und unsicher auf den Beinen, der Boden scheint zu wanken und nicht ausreichend stabil zu sein. Sie haben den Eindruck, auf Wolken oder Watte zu gehen oder zu schweben, ohne sichere Bodenhaftung. 

Häufig fürchten sie, nach dem Umfallen hilflos auf dem Boden liegenbleiben zu müssen, nicht selbst aufstehen zu können, einer gaffenden Menge ausgeliefert und auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, die im Bedarfsfall vielleicht nicht einmal erfolgt. 

Die Betroffenen haben jedoch weder einen Kreislaufschwindel noch einen Drehschwindel, sondern einen Schwankschwindel. Dieser wird durch das Gleichgewichtszentrum im Hirnstamm ausgelöst, das auf die chronische muskuläre Verspannung mit einem Schwindelreiz als Alarmsignal reagiert. 

Kennen Sie den Spruch von der „Angst im Nacken“? Er verweist auf eine massive Schulter-Nacken-Verspannung, unter der Agoraphobiker häufig leiden. 

Die Anspannung zeigt sich auch im übrigen Körper: die Fußsohlen liegen nicht voll und entspannt auf dem Boden auf, die Beine sind angespannt, ohne federndes Sich-Durchbeugen und Ausbalancieren, das Rückgrat ist steif und unelastisch (wie wenn ein „Stock im Kreuz“ wäre), aus Angst vor dem Fall wird der Schwerpunkt gehoben statt gesenkt. 

 

 

Tausend Tricks und Notlügen

 

Um das Leben bewältigen zu können, greifen die Betroffenen in ihrer Not oft zu tausenden Tricks und Ausflüchten und spielen vor sich und den anderen ein perfektes Theater.

Fachleute sprechen von Sicherheitssignalen, die die Angst reduzieren sollen:
 

  • Beruhigungsmittel in der Handtasche als Talisman;
  • Handy in der Hosentasche mit eingespeicherten Notrufnummern;
  • Trinkflasche oder Lutschtabletten zur Verhinderung von lästiger Mundtrockenheit oder Engegefühlen in der Kehle;
  • Aktivitäten nur zusammen mit dem Partner, den Kindern, anderen vertrauten Personen oder mit einem Hund an der Leine; 
  • ständige Orientierung, wo der nächste Arzt oder das nächste Krankenhaus ist, was zu Problemen bei Reisen in fremde Länder führt, weil man unbekannten, nicht Deutsch sprechenden Ärzten kaum trauen kann; 
  • etwas zum Festhalten als Gehhilfe bei Schwindel oder Ohnmachtsangst: Spazierstock, Schirm, Kinderwagen, Einkaufswagen, eine Wand oder Einrichtungsgegenstände als „Anhaltspunkte“.

 

Gerne werden auch Ausreden eingesetzt, um gefürchteten Situationen zu entkommen, sodass das wahre Ausmaß der Symptomatik selbst Freunden und Verwandten lange Zeit gar nicht auffällt – oft nicht einmal den Betroffenen selbst. 


Beliebte „Notlügen“ sind z.B. 

  • „Ich habe Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden, Magenschmerzen u.a.“
  • „Ich glaube, ich werde krank, ich muss nach Hause gehen.“ 
  • „Ich kann leider nicht so lange bleiben, weil ich zu Hause noch eine dringende Arbeit erledigen muss.“ 
  • „Ohne meinen Mann habe ich keine Lust, dorthin zu gehen.“

 

Unterschiedliche Ausprägungen der Agoraphobie

 

Eine Agoraphobie ist oft unterschiedlich stark ausgeprägt, was für die Betroffenen sehr zermürbend ist. Sie können angesichts der schwankenden Symptomatik oft keinen roten Faden erkennen: Einmal sind dieselben Situationen leichter, einmal schwerer zu bewältigen, je nachdem, ob es sich um „gute“ oder „schlechte“ Tage handelt. 

Diese Schwankungen sind eine Quelle der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Hilflosigkeit!  

Ohne Erschöpfungsdepression bringen längere Krankenstände zur Erholung und Entspannung meist keine Besserung. 

Im Gegenteil: Die Agoraphobie kann ohne den Zwang, einen bestimmten Tagesablauf zu bewältigen, erst so richtig ausufern. Daher kann sich die Symptomatik bei Hausfrauen, Studenten und Selbstständigen rasch verschlechtern.  

 

 

Folgen der Agoraphobie

 

Wenn eine Agoraphobie nicht erfolgreich behandelt oder vielleicht erst gar nicht richtig erkannt wird, erfolgt im Laufe der Zeit unumgänglich eine geradezu lebenseinengende Behinderung.

Selbstbewusstsein und Zukunftshoffnung schwinden derart, dass Betroffene, Außenstehende und Ärzte schließlich nicht mehr wissen, ob die schützende Wohnung aus hemmender Angst, antriebslähmender Depression oder beidem nicht mehr verlassen werden kann.

Es kommt zu einem Teufelskreis: Eine nicht bewältigbare oder bewältigte Agoraphobie führt oft zu einer Depression, die wiederum die Phobie verstärkt, sodass ein chronischer Verlauf leider sehr wahrscheinlich wird. 

Klar, dass im Laufe der Zeit die ganze Familie mitleidet: Urlaube, Ausflüge, Restaurantbesuche, selbst Einkäufe oder die Fahrt in die Arbeit sind kaum mehr oder nur unter sehr belastenden Umständen möglich. 

Ständige familiäre Spannungen sind vorprogrammiert, wenn der Rest der Familie die Agoraphobie des Betroffenen nicht mehr länger ertragen kann oder unterstützen will. 

Damit dreht sich die Leidensspirale für den Betroffenen aber nur weiter – er wird sich immer konsequenter aus allen sozialen Kontakten zurückziehen, was bis zur Arbeitsunfähigkeit führen kann. 

Erschreckend ist: Ein Drittel der Patienten lebt so eingeschränkt, dass die Erfüllung der beruflichen und familiären Verpflichtungen nicht mehr möglich ist. 

Nicht selten greifen Agoraphobiker zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln als falsch verstandene Selbstbehandlungsstrategie, bis eine weitere Abhängigkeit entstanden ist. 

Ohne Behandlung bleibt eine Agoraphobie oft für immer oder zumindest über viele Jahre bestehen. 

Patienten mit einer Kombination von Agoraphobie und Depression haben unbehandelt eine schlechtere Prognose als solche mit einer reinen Angststörung oder einer reinen Depression. 

 

 

Wie ein Behandlungsdruck von außen entsteht

 

Jahrelang kann es ja auch gutgehen: das perfekte Überspielen der Agoraphobie, die ausgeklügelten Argumentationsketten, warum bestimmte Dinge nicht möglich sind usw.

Eine gewisse Zeit kann man sich und die Umgebung ganz gut täuschen. Nur irgendwann fällt das Kartenhaus aus Ausreden und Ausflüchten in sich zusammen.

Akuter Behandlungsbedarf besteht bei: 

  • zunehmender Unfähigkeit, außerhalb des geschützten Arbeitsplatzes zu agieren, 
  • notwendiger beruflicher Weiterbildung in einer fremden Stadt, in der man nicht allein in einem Hotelzimmer übernachten kann,
  • beruflichem Aufstieg durch Versetzung an einen anderen Ort,
  • plötzlich erforderliche Aktivitäten im Freizeitbereich (Einladungen, Reisen, Einkaufsfahrten), die ohne Sicherheitsgarantien (Anwesenheit des Partners, Beruhigungsmittel) nicht möglich sind,
  • massivem Druck durch den Partner, der ankündigt, sich aus der Partnerschaft zurückzuziehen und zunehmend eigene Aktivitäten entfaltet, 
  • plötzlichem Ausstieg des Partners aus der Rolle des Symptomverstärkers.

 

Agoraphobie, soziale Phobie oder Depression?

 

Die Grenzen zwischen diesen drei psychischen Störungen sind oft fließend und in bestimmten Fällen auch für das geschulte Auge schwer zu unterscheiden.

Häufig wird vorschnell eine reine Agoraphobie angenommen, wo tatsächlich primär soziale Ängste vorhanden sind.

Unter einer sozialen Phobie leiden Menschen, wenn sie sich vor Kritik von anderen fürchten oder überhaupt davor, in der Öffentlichkeit aufzufallen. Alles kreist um die Frage: „Was werden die anderen Menschen von mir denken, wenn sie mich während einer Panikattacke sehen?“ Dahinter stehen oft eine soziale Unsicherheit und eine soziale Ängstlichkeit. 

Agoraphobiker mit einer sozialen Phobie fürchten den „sozialen Tod“, den Verlust des Sozialprestiges, was durch bestimmte sichtbare, durchaus als ungefährlich erkannte Symptome (Rotwerden, Zittern, Schwitzen, Ausbleiben oder Veränderungen der Stimme) verstärkt wird. 

Die Angst vor Menschenansammlungen tritt bei Agoraphobikern und Sozialphobikern gleichermaßen auf. Bei Agoraphobie ist jedoch die zentrale Befürchtung, die jeweiligen Situationen nicht jederzeit rechtzeitig verlassen zu können bzw. keine Hilfe von Fremden bekommen zu können, bei der sozialen Phobie dagegen sind eher bekannte Menschen der Angst auslösende Faktor, die als potentielle Kritiker gefürchtet werden. In einem Lokal sitzen Agoraphobiker lieber bei der Tür, Sozialphobiker eher versteckt in einer Ecke. Agoraphobiker gehen lieber in kleinere, überschaubare Geschäfte, Sozialphobiker eher in Supermärkte. 

Bei einer Agoraphobie (vor allem bei gleichzeitiger Panikstörung) kreisen die Befürchtungen um das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden (Angst verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren, zu sterben, in Ohnmacht zu fallen), ohne Sorgen um die Bewertung des Verhaltens durch andere. 

Bei typischen Agoraphobikern mit Panikattacken ohne Sozialphobie besteht die Angst unabhängig vom sozial relevanten Verhalten. Sie haben einfach Angst, ohnmächtig umzufallen und vielleicht nicht mehr aufzuwachen, auch wenn die umstehenden Leute gute Bekannte sind. 

Sozialphobiker fürchten die negative Bewertung des eigenen Handelns oder der eigenen Person durch andere. Bei einer typisch agoraphobischen Symptomatik wie der Angst umzufallen kann man über die Frage nach den Konsequenzen des Umfallens rasch erkennen, ob statt der Todesangst eine Sozialphobie gegeben ist: „Ich habe Angst, dass alle Menschen auf mich herschauen und sich denken, ich sei psychisch am Ende“. 


Bei einer Depression erfolgt der Rückzug nicht aus körperlichen oder sozialen Ängsten, sondern aus Antriebsmangel und Lustlosigkeit. Oft verstärkt eine sekundäre Depression eine ursprüngliche Agoraphobie oder Sozialphobie. Die Beseitigung der Depression ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Angstbewältigung! 

Personen mit einer Zwangsstörung vermeiden bestimmte Situationen aus einem anderen Grund. Sie fürchten Verunreinigungen vielfacher Art und müssen hinterher dadurch extrem häufiges und intensives Waschen und Reinigen den früheren „sauberen“ Zustand wiederherstellen. Diese Personen vermeiden bestimmte Situationen, um sich stundenlang andauernde Zwangsrituale wie Waschen, Reinigen und K